40 Jahre Tschernobyl: Alle Katastrophenszenarien im bundesweiten Alarmplan abgedeckt / 29 Messstellen analysieren die Luft im Land Salzburg auf Radioaktivität

In wenigen Tagen jährt sich die Nuklearkatastrophe von Tschernobyl zum 40. Mal. Am 26. April 1986 passierte in der damaligen ukrainischen Sowjetrepublik der Super-GAU, der größte anzunehmende Unfall. Die Auswirkungen der Katastrophe waren in ganz Europa spürbar. Aufgrund ungünstiger Wetterbedingungen – Stichwort Wind aus dem betroffenen Gebiet in Verbindung mit Regen – war Salzburg verhältnismäßig stark von der radioaktiven Strahlung betroffen. Als Unterstützung bei der Bewältigung der Katastrophe führte das Radioaktivitätslabor am damaligen Institut für Physik und Biophysik der Universität Salzburg für die Landesregierung Messungen durch und erstellte Situationsanalysen und Lagebeurteilungen. 40 Jahre später hat sich das Messlabor zu einer zentralen Institution im puncto Forschung, Beratung und Testung entwickelt.
Im Bild: Landesrätin Daniela Gutschi beim Besuch des Radioaktivitätslabors der Universität Salzburg mit Vizerektorin Jutta Horejs-Höck, Wolfgang Klammer (Land Salzburg), Andreas Lang und Alexander Hubmer (beide Universität Salzburg). Foto: Land Salzburg/Franz Neumayr

Nach der Nuklearkatastrophe von Tschernobyl hat das sowjetische Regime versucht, den Vorfall zu vertuschen. Wertvolle Stunden, in denen die Öffentlichkeit hätte informiert werden können, wurden nicht genützt. Aufgrund ungünstiger Wetterbedingungen – Stichwort Wind aus dem betroffenen Gebiet in Verbindung mit Regen – war Salzburg verhältnismäßig stark von der radioaktiven Strahlung betroffen. Als Unterstützung bei der Bewältigung der Katastrophe führte das Radioaktivitätslabor am damaligen Institut für Physik und Biophysik der Universität Salzburg für die Landesregierung Messungen durch und erstellte Situationsanalysen und Lagebeurteilungen. 40 Jahre später hat sich das Messlabor zu einer zentralen Institution im puncto Forschung, Beratung und Testung entwickelt.

Gutschi: „Strahlenalarmplan gibt Sicherheit.“

Österreich und Salzburg setzten nach der Nuklearkatastrophe von Tschernobyl klare Schritte in puncto Sicherheit für die Bürgerinnen und Bürger. Der Strahlenalarmplan definiert das allgemeine Krisenmanagement sowie die Schutzmaßnahmen für die Bevölkerung. „Es gibt ein dichtes Strahlenfrühwarnsystem über ganz Österreich verteilt. Rund 300 Messstellen, davon 29 Standorte in Salzburg, analysieren rund um die Uhr die Luft und registrieren kleinste Veränderungen. Im Krisenfall gibt es umfassende Berechnungen, wo und wie viel Niederschlag fällt, damit man auf Bezirksebene die richtigen Schutzmaßnahmen setzen kann. Derzeit wird an einem eigenen Dashboard gearbeitet, das kontaminierte Stellen in Echtzeit anzeigen kann“, betont Gesundheitslandesrätin Daniela Gutschi.

Alle Szenarien vorab definiert

In der Gesundheitsabteilung des Landes ist Wolfgang Klammer mit dem Thema Strahlenschutz und Radioaktivität betraut und sitzt als Vertreter Salzburgs in diversen nationalen und internationalen Arbeitsgruppen. „Sobald der Krisenmodus ausgelöst wird, definiert der Strahlenalarmplan die einzelnen Maßnahmen – zum Beispiel die Warnung der Bevölkerung, Empfehlung zum Aufenthalt in Gebäuden oder die Überwachung von Lebensmitteln. Es ist auch festgelegt, welche Aufgaben die Bundesländer haben, wie sie mit dem Bund zusammenarbeiten und ab welcher prognostizierten Strahlendosis welche Maßnahmen gesetzt werden. Der gesamte Ablauf wird auch regelmäßig trainiert“, informiert Klammer.

Kaliumiodid-Tabletten nur im Notfall

Spätestens der Angriffskrieg Russlands auf die Ukraine samt Störungen des Megakernkraftwerks Saporischschja haben die Atomgefahr wieder stärker ins Bewusstsein rücken lassen. „Wir registrierten damals ein verstärktes Informationsbedürfnis zu Kaliumiodid-Tabletten in der Bevölkerung. Auch hier regelt der Strahlenalarmplan die Einnahme. Diese ist nur notwendig, wenn ein Atomunfall in einem Umkreis von bis zu etwa 100 Kilometern um Österreich passiert. Die Behörden würden die betroffenen Bezirke festlegen und genau über den Einnahmezeitpunkt der Tabletten informieren. Dieser darf nicht zu früh oder zu spät passieren, da sich die Wirkung ansonsten verringert. Durch die rechtzeitige Einnahme der Tabletten wird die Schilddrüse mit nicht radioaktivem Iod gesättigt. Nahezu 100 Prozent der Schilddrüsenkrebsfälle können so verhindert werden“, betont Wolfgang Klammer. Bei älteren Menschen sind Nebenwirkungen möglich, daher wird die Einnahme in Österreich nur bis zu einem Alter von 40 Jahren empfohlen.

Internationaler Austausch

Bei einem Nuklearunfall spielt neben dem Wetter die Entfernung des Unglücks zu Salzburg die entscheidende Rolle. „Je weiter dieses von uns entfernt ist, desto mehr verringert sich die Konzentration von Radioaktivität in der Luft durch Verdünnung. Die Katastrophe von Fukushima hatte zum Beispiel im Bundesland keine Auswirkung“, sagt Wolfgang Klammer und ergänzt: „Das Problem bei Tschernobyl war die Bauart und das im Reaktor verwendete Material Grafit, da es wie Zunder brannte. So wurden radioaktive Stoffe tagelang bis zu zehn Kilometer in die Atmosphäre geschleudert. Daher ist so viel Fallout bei uns angekommen. Die derzeit rund um Österreich in Betrieb befindlichen Atomkraftwerke sind gänzlich anderer Bauart und verfügen über verbesserte Sicherheitskonzepte. Diese werden regelmäßig bei bilateralen Nuklear-Expertentreffen zwischen Österreich und den Nachbarstaaten mit Kernkraftwerken vorgestellt und diskutiert. Ich selbst war zuletzt mit einer österreichischen Delegation bei der Nuklearsicherheitsbehörde in Slowenien zu Gast.“

Umfassendes Service für das Land Salzburg

Alexander Hubmer ist seit mehr als drei Jahrzehnten im radiologischen Labor der Universität Salzburg tätig. „Neben unserer wissenschaftlichen Forschung bieten wir für das Land Salzburg ein umfassendes Service an. Wir führen Messungen durch, bieten Aus- und Fortbildungen an, trainieren die Notfallpläne. Sprich: Wir stehen mit unserem gesamten Know-how bereit. Im Krisenfall können wir etwa rund um die Uhr Messungen im Labor durchführen. Interessierte Bürgerinnen und Bürger können sich ebenfalls an uns wenden. Etwa zum Thema natürlicher Radioaktivität von Baumaterialien“, berichtet Hubmer. Das Land finanziert den Betrieb der Forschungseinrichtung mit.

Eigene Messstation am NAWI-Dach

Herzstück des Forschungslabors sind die Messgeräte für Gammaspektroskopie. „Hier wird auf das Nuklid genau bestimmt, um welches radioaktive Material es sich handelt. Dazu befindet sich auf dem Dach der Naturwissenschaftlichen Fakultät ein Gerät, das radioaktive Aerosole in der Luft misst. Bei der sprichwörtlichen Atomwolke würde das Gerät sofort ausschlagen“, sagt Alexander Hubmer und ergänzt: „Vereinzelt messen wir auch noch Pilze auf Radioaktivität. Vor allem beim Maronen-Röhrling finden wir auch 40 Jahre nach Tschernobyl noch immer vergleichsweise hohe Cäsium-137-Kontamination. Aber auch hier liegen die Werte unter jenen, die gesundheitsgefährdend sind.“ Unmittelbar nach der Katastrophe wurde vor 40 Jahren vom Verzehr von Pilzen sowie von Wildschweinfleisch abgeraten.

Lexikon Radioaktivität Strahlung

Radioaktivität und ionisierende Strahlung stellen eine unsichtbare Gefahr dar. Für den Menschen sind sie weder riechbar, schmeckbar, sichtbar noch fühlbar. Gefährliche Strahlendosen können ausschließlich mit speziellen Messgeräten, etwa mit einem Geigerzähler, festgestellt werden. Becquerel (Bq) ist die Maßeinheit, in der Radioaktivität angegeben wird. Die Strahlendosis wird in Sievert (Sv) angegeben. Ein Wert über sieben Sievert (7.000 Millisievert) ist für den Menschen nahezu zu 100 Prozent tödlich. Zum Vergleich: Die natürliche jährliche Strahlendosis in Österreich liegt bei zirka 2 bis 3 Millisievert.

Quelle: Land Salzburg

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